Er kenne Herrn Benz nicht, sagt Herr Daimler
Er kenne Herrn Benz nicht, sagt Herr Daimler
Romane 4 Minuten Lesezeit

Er kenne Herrn Benz nicht, sagt Herr Daimler

Der erste Satz

„Carl Benz hatte das erste Automobil der Welt erbaut, und an manchen Tagen ließ es sich damit sogar fahren.“

Der Beginn

Mannheim im Jahr 1885: Ein junger Techniker baut ein motorgetriebenes Gefährt ohne Pferde, dafür mit einem Verbrennungsmotor. Bei seinen oft nur wenige Kilometer kurzen Ausfahrten mit Frau und Kindern geht Carl Benz mit seiner Erfindung allen Anwohnern, der Polizei, den Honoratioren der Stadt und den vielen Pferdegespannen auf den matschigen Wegen fürchterlich auf die Nerven. Dieser Gestank, dieser Lärm und dieser insgesamt wirklich unschöne Anblick -das Vehikel ist den Kutschen hoffnungslos unterlegen, aber Benz ist uneinsichtig. Schließlich bringt eine Idee seiner Frau einen Ausweg aus der Klemme.

150 Kilometer entfernt hat im beschaulichen Bad Cannstatt bei Stuttgart der Konstrukteur Gottlieb Daimler ganz ähnliche Fantasien für eine Fortbewegung mit Motor, Getriebe und Benzin. Und zwar für ein Ausflugsboot, denn die Straßen und Wege haben die Stadtoberen ihm als Übungsfeld verboten. Daimlers Motorversuche auf dem Wasser sind ein mittelschweres Desaster, bis seine Frau, ein Arbeiter seiner Firma und die Weltausstellung in Paris ihn dann doch noch mit einer stinkenden Motorkutsche auf die Straße helfen.

Der Autor

Ronald Reng, geboren 1970 in Frankfurt, lebt mit seiner Familie in Südtirol und hat noch nie ein Auto besessen.
Seit 1996 arbeitete Reng als Sportjournalist, erst in London, später auch in Barcelona. Dabei schrieb er für verschiedene Zeitungen im In- und Ausland, auch zum Beispiel für die Süddeutsche Zeitung und die linksalternative taz. Zwischen 2001 und 2010 wurde Ronald Reng siebenmal vom Verband Deutscher Sportjournalisten mit dem Preis für die beste Sportreportage des Jahres geehrt. 2004 bekam er für sein erstes Buch Der Traumhüter - Die Geschichte eines deutschen Fußballtorwarts in England, die Auszeichnung für das beste Sportbuch des Jahres in Großbritannien. Es folgten zahlreiche weitere Biografien, Romane und Sachbücher. Drei seiner Bücher wurden hierzulande ausgezeichnet mit den Preis Fußballbuch des Jahres. Das Bekannteste davon ist Robert Enke - Ein allzu kurzes Leben, das er 2010 verfasst hat und für das Reng später den weltweit bedeutendsten Sportbuchpreis erhalten hat.

Mit Er kenne Herrn Benz nicht, sagte Herr Daimler, hat Ronald Reng nach langen Jahren wieder einen Roman außerhalb der Sportwelt geschrieben.

Meine Meinung

Was gab es zuerst: Das Automobil von Herrn Benz oder das von Herrn Daimler? Autor Ronald Reng sieht darin kein Wettrennen, sondern ein Nebenher, bei dem der eine mit dem anderen Ingenieur auf keinen Fall etwas zu tun haben wollte. Daher wundert es nicht, dass Daimler im ganzen Buch stets nur von „diesem Herrn Binz aus Mannheim“ spricht. Carl Benz wiederum nennt den Konkurrenten stets „diesen Herrn Doémler“. Die Ehefrauen sind es, die im Buch eher freundlich und ohne Häme sich, ihre Ehemänner und alle anderen Menschen korrekt behandeln. Aber das ist ja nicht neu: Hinter einem klugen Mann steht immer eine noch klügere Frau. Hier sind Berta Benz und Emma Daimler die eigentlichen Heldinnen in Ronald Rengs Doppelbiografie-Roman. Beide Frauen kannten sich übrigens mit Motoren und Treibstoffen bestens aus. Vielleicht wurde das Automobil also von diesen beiden Frauen erfunden? Wie dem auch sei, das Buch ist ein Buch mit zwei Familiengeschichten und keineswegs nur für Autoliebhaber geschrieben.

In Rengs Roman geht es oft um den ganz normalen Alltag im Leben der Menschen in der Gründerzeit. Wie war das mit der häuslichen Hygiene in großen Städten wie Stuttgart oder Mannheim? Warum wollten die Stadtoberen auf keinen Fall eine Kanalisation? Und was hatte man gegen die Einführung einer 60-Stunden-Arbeitswoche? Warum wurde man auf einem Automobil seekrank? Warum wurden Bürgermeister und Polizisten von den Menschen nicht wirklich ernst genommen? Warum meinte man, Tageszeitungen seien unnötig und hätten keine Zukunft? Und was hatte die deutsche Provinz einer Weltausstellung in Paris voraus?

Neben der Erfindung der motorisierten und pferdelosen Kutsche geht es Ronald Reng in Er kenne Herrn Benz nicht, sagt Herr Daimler um das ganz normale Leben voller Vorurteile und Ängste. Ihm ist ein herrlicher Unterhaltungsroman gelungen, dem bislang seltsamerweise nur wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde. Schade.

Dieter Niehoff

Ronald Renk: Er kenne Herrn Benz nicht, sagt Herr Daimler
Piper Verlag 2025
272 Seiten