Frankie und Freddie
Frankie und Freddie
Romane 5 Minuten Lesezeit

Frankie und Freddie

Der erste Satz

O weh, o weh, o weh, dachte Frank Lehmann.

Die Geschichte

Manfred, genannt Freddie, Lehmann ist 1980 vor der Einberufung nach Berlin geflüchtet und lebt dort in einer WG in Kreuzberg sein Leben. Für gutes Geld strandete er zuletzt für ein dubioses Pillenprojekt in einem Hotel am Kudamm und wird heute entlassen. Es ist der Tag vor Heiligabend und sein Bruder Frank soll mit dem seit Monaten unbenutzten Kadett vorfahren. Aber bei plötzlich einsetzendem Schneefall geht in der Stadt gar nichts mehr. Also ab in die U-Bahn. Aber nicht mit Freddie, denn seine im Projekt neu erworbene Klaustrophobie macht den Heimweg vom Kudamm zu einer irrwitzigen Odyssee. Keine Autofahrt möglich, Bahn und Bus machen Angst und zu Fuß ist bei Glätte und Kälte keiner mit Verstand mehr unterwegs. Die Möglichkeiten werden einige Kapitel lang hin und her überlegt und so langsam nimmt der Irrsinn in „Frankie und Freddie“ seinen banalen und zugleich unfassbaren Alltagsverlauf.
Eigentlich geht es in dem Buch um eine Tasche, die Freddie im Pillenprojekthotel vergessen hat. Aber da jeder in der Kreuzberger WG andere Ratschläge zur anstehenden Rückholaktion hat, wird aus diesem Durcheinander eine Reise ins Herz der Finsternis und zwar in hamsterradartiger Hektik: Alle machen irgendwas aber keiner kommt voran und dem Ziel wirklich näher.

Um was es sonst noch geht in den 37 Kapiteln? Nun, zum Beispiel um Glühwein statt Kinderpunsch, den dunklen Bezirk Wedding, um „Malen nach Zahlen“ als ganz moderne Kunst, um eine Apotheke mit Drogen gegen Grippe, um ein Hähnchen für vier, um Eckstein Nummer 5, um IKEAS Bettwäsche Lindholm, und natürlich um die Liebe, um eine weihnachtliche Heimreise zu Mutter und Vater, und um ein Stipendium in New York , aber das kommt erst in einem späteren, aber schon erschienen Buch vor. Das mag verwirren, aber so ist das ganz normale Leben in der Welt des Frank Lehmann.

Der Autor

Sven Regener, Musiker und Autor, geboren 1961 in Bremen, lebt mit seiner Frau in Berlin Prenzlauer-Berg. Seit 1985 spielt er Trompete, Klavier oder Gitarre und singt in der deutschen Band „Element of Crime“, deren Musik seitdem ein ganz eigenes Genre gebildet hat. Einen Mix aus Pop, Country, Jazz, mit gelegentlichen Mariachi-Klängen und einer Lyrik als Mix aus Kinderreimen, Gebrauchsanweisungen, einem Kessel Buntes, Verwaltungsverordnungen, Thekenphilosophie, und anderem Tief-, Flach-, Wahn- und Feinsinn.

Als Romanautor wurde Sven Regener 2001 mit seinem Erstling „Herr Lehmann“ bekannt. Nie zuvor und niemals wieder wurde über die Nacht des Mauerfalls geschrieben, wie es Regener hier getan hat. Das Buch war monatelang auf den Bestsellerlisten, wurde bislang in 16 Sprachen übersetzt und zwei Jahre nach Erscheinen sehr erfolgreich verfilmt.
In diesem Herbst kann man „Herr Lehmann“ als Theaterstück in Coesfeld sehen. Der Lehmann-Kosmos bot Sven Regener seit 25 Jahren Stoff für fünf weitere Bücher. Im Laufe der Jahre erhielt Regener nationale und internationale Auszeichnungen sowohl als Musiker, als auch als Autor.

Meinungen

Wer glaubt, Christopher Nolan hätte mit seiner monumentalen Homer-Verfilmung die Odyssee des Jahres gestemmt, irrt: Es ist diese schräge und natürlich vollkommen abseitige Weihnachtsgeschichte von Sven Regener, in der eine keinesfalls heilige Patchwork-Familie durch die Kälte irrt, vor allem aber durch den vom Autor kunstvoll versponnenen Irrsinn.“ (WAZ)

Von Sven Regeners urkomischen, weil haarscharf am Irrwitz der Wirklichkeit entlanggeschriebenen Dialogen im Sound der Zeit und der Melancholie, die alles durchweht, wenn er auf Durchzug stellt, kommt man nur schwer los.“ (FAZ)

Autor Sven Regener macht uns Leser zu Zeugen einer allmählichen Verhedderung innerhalb von nur acht Stunden Geschehen, denn um diese Zeitspanne geht es in dem knapp 280seiten langen Roman. „Ja, nee, warte mal, vielleicht“, ist der Satz, den Freddie und Frank häufig nutzen und bringt die scheinbare Nutzlosigkeit des Tuns oder des Nichtstuns auf den Punkt.

Ich habe mich sehr gefreut, als ich erfuhr, dass Sven Regener wieder einen Roman über Herrn Lehmann geschrieben hat. Es fing 2001 an mit „Herr Lehmann“ und es ist mehr als beruhigend, dass Frank und Manfred, Kerstin und Chrissie, H.R. Ledig und Karl Schmidt und all die anderen in dem Lehmann-Kosmos kein bisschen älter geworden sind. Im Gegenteil: Sie werden jünger! Autor Regener macht das ganz simpel: „Herr Lehmann“ spielt in der Nacht des Mauerfalls, während „Frankie und Freddie“ an nur einem Tag neun Jahre zuvor spielt, als die Kreuzberger-WG noch recht frisch war.

Ich habe diese mittlerweile sechste Lehmann-Buch an einem Wochenende eingesogen und die Charaktere und die sich eigentlich um fast nichts drehende Geschichte packten mich erneut wie schon bei „Herr Lehmann“ und den vier anderen Werken. Die Dialoge sind auch hier wieder urkomisch und das Unterwegssein mit Kadett oder Kastenente im winterlichen Berlin ist der Wahnwitz in seiner abstrusesten Form. Wer einen Sinn für Albernheiten hat, wer die Abschweifungen eines Torsten Sträter mag oder wer die deutsche Country-, Jazzpop-, Bänkel-, Mariachimusik von „Element Of Crime“ mag, dem sei „Frankie und Freddie“ sehr ans Herz gelegt.

Und wer noch skeptisch ist, der schaut in der Bücherei vielleicht einmal nach irgendeinem Buch von Sven Regener. Wer den Anfang mit „Herr Lehmann“ macht, der macht nichts verkehrt.

Dieter Niehoff

Sven Regener: „Frankie und Freddie“
Verlag Galiani Berlin 2026,
278 Seiten

Romane von Sven Regener können in der Stadtbücherei entliehen oder vorbestellt werden.