Großstadtroman
Großstadtroman
Romane 4 Minuten Lesezeit

Großstadtroman

Der erste Satz

„Spaghetti mit Meeresfrüchten und Knoblauchsoße, dazu Feldsalat mit Kürbiskernöl und zum Nachtisch Vanilleeis mit heißen Himbeeren: So sah das Menü aus, das ich uns servierte, als Hege von ihrem letzten Arbeitstag im Lüneburger Verlag zu Klampen zurück nach Hamburg gekommen war.“*

Der Beginn des Romans

Vorweg sei gesagt: Allen kann bedenkenlos dieser Roman als Start in die mittlerweile zwölfbändige Serie der „Martin-Schlosser-Romane“ empfohlen werden. Danach empfehle ich ihnen den ersten Roman der Reihe („ Kindheitsroman“) als Fortsetzung. Wir sind im Großstadtroman anfangs im Jahr 1999 und lassen auf den folgenden 580 Seiten alles auf uns wirken, was damals in der Welt, in Deutschland und insbesondere in Hamburg – der damaligen Heimat des Autors - wirklich passiert ist. „Martin Schlosser“, geb. 1962, die Hauptfigur im Großstadtroman, ist in Wirklichkeit der Autor selbst, denn das Buch ist eine autobiografische Reise in Henschels eigenes Leben. Mittlerweile ist Gerhard Henschel mit diesem bereits zwölften Roman seiner Lebensreise im aktuellen Jahrtausend und seinem 50sten Lebensjahr angekommen. Wir erfahren, dass “Martin Schlosser“ genau zu diesem Zeitpunkt mit den Recherchen zum ersten Buch der Reihe, dem Kindheitsroman angefangen hat. Ob Henschel sich damals schon vorstellen konnte, dass seine manische Autorenarbeit an der eigenen Biografie derart gewaltige Ausmaße (über 5.000 Seiten) annehmen würde?

Was geschah 1999 in der Welt? Wissen sie es noch? Nun, in Henschels Großstadtroman erfahren wir zum Beispiel - und eher nebenbei - dass unser Kanzler vor 27 Jahren Gerhard Schröder, der Bundespräsident Johannes Rau und der Außenminister Joschka Fischer waren. In Russland kam gerade ein gewisser Putin erstmals an die Macht und auf dem Balkan gab es schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Internet wurde Normalität für Viele und Rudolf Augstein plauderte im Spiegel mit Schriftsteller Martin Walser völkischen Unsinn. Völlig unwichtig war, dass man bei einer Achterbahnfahrt auf dem Hamburger Dom mit den Füßen frei baumelnd in dem Fahrgeschäft hing. Große Weltereignisse stehen in den Romanen von Henschel ganz bewusst gleichwertig neben den kleinen persönlichen Erlebnssen. „Martin Schlosser“, also eigentlich Gerhard Henschel, ist im Großstadtroman beim Satiremagazin „Titanic“ tätig und macht sich dort unter anderem über den Kirchenkritiker Hans Küng und den Focus lustig. Der amerikanische Präsident hatte eine Praktikantin, die so bekannt wurde wie er selbst, die CDU versteckte Millionen im Ausland und der schon damals ehemalige Vorsitzende Helmut Kohl fand das überhaupt nicht schlimm. 1999 verschenkte man zu Weihnachten noch Video-Cassetten, auf RTL lief „Ein Schweinchen namens Babe“ und der WDR berichtete, dass 35 Bundeswehrkasernen im Lande immer noch die Namen von Nazis trugen. An all das und noch viel mehr werden wir Lesende im Großstadtroman erinnert.

Der Autor

Gerhard Henschel schreibt seit Jahrzehnten für Tageszeitungen, Wochen- und Monatsmagazinen. Er ist Autor, Co-Autor, Chronist und Herausgeber von Büchern mit Satiren, Kolumnen, Erzählungen, Kurzprosa, Krimis und Romanen.

Seine mittlerweile auf zwölf dicke Bände angewachsene Romanreihe um „Martin Schlosser“ ist im Literaturbetrieb das vielleicht größte Vorhaben seit J. J. Voskuils Amsterdamer „Büro-Romanen“ oder Walter Kempowskis Deutscher Chronik.

Meinungen

„Der faszinierendste Zyklus der deutschen Gegenwartsliteratur“. (Andreas Platthaus, FAZ)

Wenn mich später die Enkel nach meinem Leben ausfragen, werde ich sagen: Leute, ich weiß das doch alles nicht mehr. Lest Henschel, da steht alles drin.“ (Rayk Wieland)

„Es gibt Bücher, die, kaum hat man sie aufgeschlagen, einen solchen Sog erzeugen, dass man den Moment fürchtet, sie wieder aus der Hand legen zu müssen.“ (Gerd Busse, Text & Kritik)

Henschel schreibt auch in seinem aktuellen Großstadtroman so, wie man es von jemanden erwarten kann, der früher für die (Satire-)Magazine Kowalski, Titanic und Konkret tätig war: Im Grundton locker komisch und gelegentlich süffig bis polemisch. Die knapp 600 Seiten lesen sich fix weg und ehe man sich versieht, landet man am Ende bei der Frage, ob Helmut Kohl in Beugehaft zu nehmen sei. Eher wohltuend ist, dass ganz zum Schluss (Seite 587) Sprecherin Marietta Slomka in den Heute-Nachrichten mit dem Wetter kurz auftaucht, bevor das Jahr 2002 für „Martin Schlosser“ schließlich zu Ende gegangen ist.

Dieter Niehoff

Gerhard Henschel: Großstadtroman
Hoffmann und Campe 2025
588 Seiten