Hinter Friedhofsmauern
Der erste Satz
„Friedhöfe bleiben im Alltag weitgehend unbeachtet, liegen sie doch meistens weder an zentraler urbaner Stelle, noch stehen sie im medialen Mittelpunkt oder gehören bis auf wenige Ausnahmen zu den allgemeinen Highlights eines Ortes.“
Zu den Inhalten
Das Buch ist kein Bildband über Friedhöfe – obwohl es im Buch zahlreiche Fotos und Abbildungen gibt.
Mit diesem essayistischen Sachbuch werfen die Autorin und der Autor einen Blick auf die sich verändernde Trauerkultur. Man schaut zurück auf die Geschichte und wagt einen Blick in die Zukunft. Der Wandel der Bestattungskultur und des Trauerverhaltens in Deutschland wird beleuchtet und es werden Einblicke in moderne Friedhofskonzepte, neue Grabformen und die Bedeutung von Abschiedsritualen gegeben.
Ergänzend kommen Fachleute unterschiedlicher Professionen rund um das Begräbnisgeschehen zu Wort. Es gibt Interviews mit einer Bestatterin und Ethnologin aus Freiburg, einem Stadtarchivar aus Esslingen, einem Steinmetz und einer Konservatorin aus Köln, einem Pfarrer aus Münster und einem Landschaftsarchitekten aus Kassel.
Der Beginn
Im ersten Kapitel („Recht und Ordnung auf dem Friedhof“) bieten uns die Autoren eine Fülle von Zahlen, Fakten und erzählen spannend statt trocken zur Verwaltungsgeschichte unserer Friedhofskultur. Wussten Sie, dass es in Deutschland einen so genannten „Friedhofszwang“ und ein sehr differenziertes Bestattungsgesetz mit unzähligen Verordnungen gibt? Und was damit gemeint ist und was dort alles geregelt wird, ist mehr als erstaunlich – und wichtig. Der größte Friedhof in Deutschland hat mehr als 200.000 Grabstätten, er ist einer von 32.000 mit 32 Mio. Grabstätten. Berlin hat europaweit die größte Friedhofsgesamtfläche aller Friedhöfe mit mehr als zehn Quadratkilometer. Seit einem Vierteljahrhundert gibt es in Deutschland Baumbeisetzungen, muslimische Friedhöfe gibt es jedoch nach wie vor kaum, trotz der über 2.600 Moscheegemeinden in Deutschland. Woran das liegen mag, erklären uns die Autoren ebenso wie die Tatsache, warum nur noch 20% aller Beerdigungen im Sarg stattfinden. Oder ist Ihnen bekannt, dass die Grabsteine oft aus Indien stammen und dort mit illegaler Kinderarbeit abgebaut werden?
Die Autoren
Gudrun Schmidt-Esters, geboren 1959, leitete zwei Jahrzehnte lang ein Keramikmuseum in Frechen („Keramion“). Sie ist Historikerin in den Bereichen Wirtschaft, Kunst und Kultur. Und sie arbeitete zuvor als Journalistin und Galeristin. Laut Verlag ist Frau Schmidt-Esters auch eine begeisterte Friedhofsflaneurin.
Thomas Pago studierte in Münster und war anschließend 10 Jahre lang Lektor und Redakteur in einem großen Münchner Verlagshaus. Danach war er an weiteren, unterschiedlichen Stellen in der Verlagsbranche tätig, gelegentlich auch als Autor und Übersetzer. 2006 gründete er den Elsinor Verlag. Thoms Pago lebt und arbeitet in Coesfeld, dem Sitz des Verlages.
Meine Meinung
Ich war sehr erstaunt, dass das Thema Trauerkultur statt schwer durchaus spannend, überraschend und oft sogar leichtgängig und stets unterhaltsam erzählt werden kann. Die beiden Autoren gehen das Thema breit an und erzeugten bei mir als Leser ein immer großes werdendes Interesse. Ich konnte vor einiger Zeit zusammen mit Herrn Pago und meinen Schülerinnen und Schülern der Liebfrauenschule eine Bestatterin hier in Coesfeld an ihrem Arbeitsplatz besuchen. Es ergaben sich dort auch Gespräche zu so überraschenden Themen wie digitale Gedenkstätten und das Weiterleben als KI-Simulation im World Wide Web. Und über die muslimische Begräbniskultur im Kontext (und im Konflikt) zu den bestehenden Friedhofsgesetzen wusste ich bis dahin so gut wie nichts.
Dieter Niehoff
Das Buch kann in der Bücherei zur Ausleihe erfragt werden.
Gudrun Schmitz-Esters und Thomas Pago:
Hinter Friedhofsmauern – Trauer und Gedenken im Wandel.
Elsinor Verlag 2025
274 Seiten