Lovely Rita
Die ersten Sätze
„Feinsahnig und weißstrahlend schwillt die Blume über den Rand der Tulpe und türmt sich zu einem kleinen Gebirge auf, erinnert wahlweise auch an Kumuluswolken an einem strahlend blauen Himmel. Hier aber spiegelt sich der Schaum nur im Chrom der Zapfanlage , dazu hängt der würzige Duft von Hopfen und Malz in der Luft, Hopfen und Malz, Gott erhalt´s, denke ich und finde, dass es absurd klingt, wenn man sagt oder denkt, dass eine Blume über eine Tulpe schwillt, aber das Glas heißt nun mal Pilstulpe und die Schaumkrone Blume, wobei sie in anderen Regionen auch Huit, Kappe, Häubchen oder Haube genannt wird, bildhafte Begriffe, die den kunsthaften Charakter des Zapfvorgangs betonen, denke ich weiter. Die stämmige Frau in der weißen Bluse hält ein weiters Glas schräg unter den Auslauf und lässt das Bier hineinlaufen, und dann ein zweites, drittes, viertes und fünftes, ohne den Hahn zwischendurch zu schließen, eine Bewegung, die flüssig und selbstverständlich, ja nachgerade elegant wirkt, aus einem lockeren Arm kommend, der diese Kunst bereits unzählige Male zelebriert haben muss, und auch wenn ich schon oft gesehen habe, wie ein Bier gezapft wird, ist dieses Schauspiel hier wirklich bemerkenswert, und als sie das neunte Glas unter den scheinbar niemals versiegenden, goldenen Strom hält, sieht sie mich an und sagt: „Watt meinze, soll ich dafür Eintritt nehmen?“
Die Geschichte
Die Eckkneipe „Haus Himmelreich“, irgendwo im Zentrum Bochums, soll morgen schließen. Der Autor als Ich-Erzähler erfährt davon, kehrt ein, setzte sich an den Tresen, bestellt und hört den Menschen zu, die noch einmal gekommen sind, um von sich, den Stammgästen, den hier Gestrandeten und den schon Verstorbenen zu erzählen. Vor allem aber geht es um die Kneipe selbst und ihre wunderbaren Besitzerinnen. Wir lernen die Wirtin Rita, ihre Schwester Chris und deren Tochter Verena kennen. Und der Ich-Erzähler erfährt von der Wacholder-Anni, dem Käptn, Dieter dem Langen und Willi Trommer, die immer schon hier waren und über alles, was in den letzten 50 Jahren passiert ist, Bescheid wissen – oder zumindest eine Meinung haben. Und es dauert nur drei Seiten, da hat man am Tresen den Ich-Erzähler enttarnt: „Du kommst mir irgendwie bekannt vor“, sagt der Lange. „Hast Du nicht mal was mit der Verena gehabt“, vermutet der Käptn. „Das kann man so nicht sagen“. Kann man wohl, denke ich, aber das geht hier niemanden was an.
Rauf und runter geht es in der Geschichte der Menschen im Mikrokosmos „Haus Himmelreich“. Es wird herzzerreißend schön, bitter und melancholisch, tragisch und immer wieder komisch. Am Ende (Seite 250) angekommen darf es überhaupt nicht zu Ende sein, denn das Leben geht ja weiter. Auch in einem Haus namens Himmelreich, in dem doch eigentlich schon alles geschehen ist, was sich nur denken lässt.
Der Autor
Frank Goosen, geboren 1966 in Bochum, scheint nie wirklich aus seiner Heimatstadt herausgekommen zu sein. Er ist Fan des VfL, des Schauspielhauses und er kennt die guten Dönerläden im Zentrum der Stadt. Er weiß, wo die Musik in Bochum spielt (Die Zeche) und er kann uns Nichtbochumern ganz genau erklären, was es mit der Alleestraße so auf sich hat. Eigentlich ist Frank Goosen ein Stadtschreiber und ein Chronist des Ruhrgebiets. Seine Romanfiguren kommen oft zurück in die alte Heimat und finden hier ihr Glück wieder („Radio Heimat“, 2010) oder sie machen sich als Einheimische auf die Suche nach der großen Welt im eigenen Viertel („Spiel ab!“, 2023), also einfach direkt umme Ecke.
Angefangen hat Frank Goosen als Kabarettist, bekannt geworden ist er als Autor von mittlerweile mehr als einem Dutzend Romanen, in deren Mittelpunkt immer er selbst oder andre Menschen im Ruhrgebiet mit ihren Eigenheiten stehen. Einige seiner Bücher wurden bereits verfilmt, zum Beispiel „So viel Zeit (2018)“ mit Jan Josef Liefers, Jürgen Vogel und Richy Müller. Im Schauspielhaus Bochum hat Frank Goosen seit 14 Jahren eine „Literatur-Late-Night-Show“.
Meine Meinung als Fan
Seit „So viel Zeit“ (2207) bin ich Frank Goosen verfallen und seit „Sommerfest“ (2012) lese ich alles von ihm ab dem Erscheinungstag. Kurzum: Ich bin ein unkritischer Fan. Lang, sehr lang schon ist es her, da habe ich einige Jahre in Bochum gelebt, kenne mich also noch ein klein wenig aus in der Stadt des VfL, des Bermuda-Dreiecks und des Schauspielhauses. Natürlich gab es schon damals in den 1980er Jahren diese Frank-Goosen-typischen Orte, denen der Autor in seinen Büchern Denkmäler gesetzt hat: Den Fußballplatz mit rotem Rasen, das städtische Hallenbad neben der Fußgängerzone, die Seltersbude am Anfang- und die Trinkhalle am Ende der Straße, den Kortum, die Tanzschule, die Curry- und die Dönerläden in der Stadt. Frank Goosen schreibt aber vor allem über Menschen, die eben dort in der kleinen Großstadt ihr Leben leben.
"Leute, hättet ihr gedacht, dass man in unserem Kaff mittlerweile Wohnungen über Airbnb mieten kann?“ – „Was für´n Quatsch. Wer will denn hier Urlaub machen? Die meisten wollen hier nicht mal leben.“ – „Ich mache hier ständig Urlaub. Schön mit dem Fahrrad über die Erzbahntrasse und zum Rhein-Herne-Kanal. Ein Traum.“
Oder die Geschichte, warum im „Haus Himmelreich“ der Kondomautomat nicht bei den Männern, sondern auf dem Frauenklo zu finden ist. Die Schwule Jule macht den Aufschlag im Kapitel „Edda Seippels Mädchentraube“, in dem der Ich-Erzähler uns berichtet, dass das Tresentheater eine Weiterentwicklung des Boulevardtheaters ist. Und „ein Schlach“ ist die total korrekte Maßeinheit für Nudelsalat oder Currywurst-Pommes, eben mit einem Schlach Mayo obendrauf.
Lesung
Am Donnerstag, den 16. April wird Frank Goosen im Theater- und Konzertsaal Gescher sein und „Lovely Rita“ vorstellen. Zwei Tage vorher wird er in Haltern am See sein und an 15 Terminen im März überall zwischen Duisburg und Dortmund im Ruhrgebiet. Der Premierentermin im Schauspielhaus Bochum ist (natürlich) schon ausverkauft.
"Lovely Rita" ist noch nicht im Bestand der Bücherei - kann aber zur Ausleihe vorbestellt werden!
Dieter Niehoff
Frank Goosen: Lovely Rita
Kiepenheuer & Witsch, 2026
254 Seiten