Mit beiden Händen den Himmel stützen
Mit beiden Händen den Himmel stützen
Romane 3 Minuten Lesezeit

Mit beiden Händen den Himmel stützen

Erste Sätze

„Es ist Sommer. Die Fenster sind weit geöffnet.“

Die Geschichte

Das Mädchen Lale wächst in den 80ern in einer linken Männer-Kommune in Berlin auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden.

Der Roman beginnt, indem Lale das Leben im Bauch ihrer heroinsüchtigen Mutter beschreibt. Kurz nach ihrer Geburt landet ihr Vater wegen eines Raubüberfalls im Knast. Mit anderthalb Jahren findet sie Tabletten und schluckt sie , während sich ihre Mutter gerade einen Schuss gesetzt hat. Zum Glück bemerkt diese den Tablettenkonsum noch rechtzeitig und ruft den Rettungswagen. Danach wird Lale der Obhut des Jugendamtes übergeben.
Karheinz, der Freund ihres Vaters holt sie als sein Pflegekind aus dem Heim und so landet das Kind in einer vierköpfigen Männer-WG. Sie genießt dort absolute Freiheit, sie kann wach bleiben, solange sie will, kann Süßigkeiten essen und TV sehen, so viel sie will. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Das ändert sich auch nicht, als ihr Vater aus dem Knast kommt und auch in die WG einzieht.

Drogen, Alkohol, Sex der Männer in der WG mit ständig wechselnden Frauen ist die Szenerie, in der Lale aufwächst.
Es ist eine unberechenbare Welt, was auch den Rauschzuständen der Männer geschuldet ist.
Lale ist ein hochsensibles Kind, das feinste Stimmungsschwankungen wahrnimmt, wahrnehmen muss, um klar zu kommen.
Als sie in die Schule kommt, empfindet sie das als sicheren Ort, als Anker. Ihre erste freudige Beobachtung ist, dass die Klassenlehrerin nie betrunken ist.
Schließlich wird Lale von einem der Männer sexuell missbraucht, was aber als harmlos abgetan wird. Lale wird ihr ganzes Leben darunter leiden.

Gelegentlich trifft sie ihre Mutter, die aber dann an ihrer Sucht stirbt, als Lale noch ein Kind ist.

Aber es gibt auch Szenen von Fürsorge, da gibt es ihre Oma Lore, einen Lehrer, der ihre Fähigkeit zu schreiben, entdeckt und sie ermutigt, ihren Vater, der durchaus zärtlich sein kann, oder andere Familien aus dem Haus, mit denen sie ihre Ferien verbringen darf.

Die Autorin

Lilli Tollkien wurde 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und arbeitete in verschiedenen Berufen.
Heute lebt sie mit ihren Kindern in Leipzig, fotografiert und schreibt.

Meinung

Es ist ein außergewöhnlicher Berlin-Roman, den Lilli Tollkien geschrieben hat. Seine Stärke und seine literarische Qualität liegen in der Erzählhaltung der Autorin – trocken und trotzdem einfühlsam.
Der Roman trägt stark autobiografische Züge und ist nicht als Anklageschrift verfasst, sondern es schildert die damaligen Gegebenheiten.
Gelegentlich erinnert der Roman an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, ist also harte Kost, die man aushalten muss.

Ein eindrucksvolles und lesenswertes Romandebüt von Lilli Tollkien.

Brigitte Tingelhoff

Lilli Tollkien: Mit beiden Händen den Himmel stützen
Aufbau Verlag 2026.
255 Seiten

Der Roman kann in der Stadtbücherei ausgeliehen werden.