Riccardino
Riccardino
Krimis 5 Minuten Lesezeit

Riccardino

Der erste Satz

„Das Telefon klingelte in dem Moment, als er endlich eingeschlafen war, zumindest kam es ihm so vor, nachdem er sich stundenlang im Bett hin- und hergewälzt hatte.“

Der Beginn

Ein Anruf mitten in der Nacht. Er möge doch bitte sofort zu seinem alten Freund Riccardino kommen. Commissario Montalbano kennt keinen Riccardino – und daher beendet er das Gespräch ärgerlich noch ehe es richtig begonnen hat. Wenige Stunden später wird der Commissario zu einem Mord in die Altstadt gerufen. Auf der Straße wurde ein Mann erschossen und die maskierten Täter seien auf Motorrädern geflohen, so wird von Nachbarn berichtet. Das Opfer ist ein Mann und er wird von seinen Freunden Riccardino genannt. Ist der Commissario in der Nacht unfreiwillig Ohrenzeuge eines Verbrechens geworden? Aber warum hat ein Unbekannter ausgerechnet ihn angerufen? Am Tatort wird der Commissario von den Nachbarn erkannt und mit lautem Hallo begrüßt, denn Montalbano ist in Sizilien - und eigentlich in ganz Italien - ein „echter“ Serienheld im TV geworden. So steht es im Buch und so ist es auch in der Wirklichkeit, was Andrea Camilleri veranlasste, es wieder in seinen Romanen zu verwenden. Verwirrend, oder? Vor Jahren kam Montalbano mit einem Schriftsteller ins Gespräch und er verriet ihm einige Mordfälle aus seiner Polizistenvergangenheit. Der Autor in dem Buch Camilleris machte daraus Kriminalromane, die sich eher mäßig gut verkauften. Als aber aus den Romanen TV-Filme wurden, und der Commissario von einem attraktiven Italiener in den besten Jahren gespielt wurde, war es vorbei mit der Ruhe. Bestimmt immer noch verwirrend, oder?

Im Buch erkennt jeder im Ort den Commissario Montalbano. Und das geht ihm fürchterlich auf die Nerven. Am Tatort wird es laut, als die Nachbarn den Commissario sehen. „Da ist Montalbano“ – „Mit wem redet er denn da?“ – „Etwas lauter, Montalbano. Hier oben hören wir Dich nicht!“ – „Ich glaube, er verhaftet gerade jemanden.“ – „Verdammt! Ist der tüchtig, dieser Montalbano.“

Der Autor

Andrea Camilleri (1925 – 2019) ist der erfolgreichste zeitgenössische Autor Italiens. Auch in Deutschland sind alle seine Bücher mit dem sizilianischen Commissario Montalbano Bestseller geworden. Camilleri hatte bereits Dutzende von Sachbüchern, Novellen und Romane verfasst, als er sich im Alter von Mitte 60 entschloss, einen Krimi in seiner Heimatstadt in Sizilien spielen zu lassen. Die Stadt nannte er im Roman „Vigata“. Den Figuren im Roman gab er Eigenschaften und Lebensgeschichten seiner Nachbarn und Bekannten. Bereits ein Jahr nach dem Erstling folgten Autor und Verlag mit einem nächsten „Montalbano“. Und in jedem weiteren Jahr wurde stets ein weiterer Krimi auf den Markt gebracht. Am Ende wurden es 28 Bücher.
Fünf Jahre nach Erscheinen des Debüts erschien der erste Montalbano-Krimi in deutscher Sprache. Diese „Verspätung“ von fünf Jahren hat der Verlag bis zum Ende übrigens nie aufgeholt, daher erscheint Riccardino hier in Deutschland erst im Jahr 2025, fünf Jahre nach der italienischen Erstveröffentlichung, die dort ein Jahr nachdem Tod des Autors auf den Markt kam. Andrea Camilleri hat bis weit in sein achtes Lebensjahrzehnt Bücher verfasst, die beiden letzten hat er diktiert, denn eine schwere Erkrankung hat zu seiner Erblindung geführt. Das ursprüngliche erste Manuskript von Riccardino hat Camilleri bereits 2006 geschrieben. Und zwar mit dem Wunsch, dieses Buch als Letztes der Serie und erst nach seinem Tod zu veröffentlichen. Damals ahnte Camilleri noch nicht, dass er nach diesem Manuskript noch ein halbes Dutzend weiterer Montalbano-Krimis schreiben sollte, bevor mit Riccardino wirklich der Schlusspunkt gesetzt wurde. Die Hintergründe und die Absichten von Andreas Camilleri erhalten die Leserinnen und Leser übrigens in zwei wunderbaren Nachworten des Autors und des Verlages präsentiert.

Meine Meinung

Wie immer in den Krimis von Camilleri geht es auch in Riccardino leidenschaftlich, laut, überheblich, trügerisch, selbstverliebt, oft tragisch und noch öfter komisch zu. Der Commissario ist ein Mann, wie er in unserer Phantasie süditalienischer nicht sein kann. Allen Gewissheiten zum Trotz ist Montalbano "Bella Figura" mit Schwächen für attraktive Frauen, gutes Essen (immer mit Fisch und Meeresfrüchten) und Betrachtungen über die Dummheit und Verschrobenheit der Menschen. Dabei machen das Alter und die berufliche Müdigkeit auch bei Montalbano nicht Halt. Zwar wird er in den Büchern eher in Zeitlupe älter, aber das kennen wir Krimileser ja in etlichen Reihen, von „Kluftinger“ bis „Brunetti“. Die Wirklichkeit wird in Riccardino gelegentlich surreal verschoben, was beim Lesen wirklich großes Vergnügen bereitet. Oftmals taucht Andrea Camilleri selbst ungefragt Rat gebend im Buch (in dritter Person) auf. Meistens dann, wenn der Commissario nun wirklich keine Lust hat, den dummen Ideen des Schreibers zu lauschen. Er wolle allein bestimmen, wie es denn nun mit ihm im Roman und im Leben weitergehen soll. Surreal halt.

Ohne groß etwas zu verraten sei den Leserinnen und Lesern hier gesagt, was Andrea Camilleri auf dem Umschlag von Riccardino bereits geschrieben hat: „Den Teufel werde ich tun, meine Figur sterben zu lassen! Es ist absurd, dass eine Figur, die im wahrsten Sinne des Wortes buchstäblich geboren wurde, erschossen stirbt oder am Ende aller Ermittlungen, aller Abenteuer in den Ruhestand geht. So kam ich auf eine andere Lösung …“. Mit Riccardino hat Andrea Camilleri seinem Commissario Montalbano einen wunderbaren literarischen Abgang gegeben. Jeder Mensch, der sich mit Literatur gerne leicht und anregend zugleich unterhalten lassen möchte, sei dieses Alterswerk wärmstens empfohlen. Für mich gehört Riccardino zum Schönsten, was das Jahr 2025 mir belletristisch geboten hat.

Riccardino kann in der Bücherei ausgeliehen werden.

Dieter Niehoff

Andrea Camilleri: Riccardino - Commissario Montalbano löst den Fall seines Lebens
Verlag Bastei Lübbe 2025
302 Seiten