Schwebebahnen
Schwebebahnen
Romane 3 Minuten Lesezeit

Schwebebahnen

Der erste Satz

„Es ist kurz vor zwölf, die Männer der Umzugsfirma haben die Möbel seit den frühen Morgenstunden nach unten getragen und im Möbelwagen verstaut.“

Der Beginn

Ende der 1950er Jahre zieht der sechsjährige Josef mit seinen Eltern von Köln nach Wuppertal in ein Eisenbahnerviertel. Das Einleben fällt dem introvertiert autistischen Jungen schwer. Vieles um ihn herum verunsichert ihn, er mag die Kinder im Viertel nicht und an der Schule gefällt es ihm auch nicht. Er mag Musik , erfindet Geschichten und schreibt sie auf.

„Josef spielt am liebsten Klavier, und das gar nicht so schlecht. Weil er jeden Tag übt, hat er wenig Zeit, sich lange zu unterhalten. Er wüsste auch nicht worüber, andere Jungs haben Themen, von denen er wenig oder nichts versteht.“

Die Bekanntschaft zu Mücke, der jungen Tochter des italienischen Gemüsehändlers nebenan, gibt im Halt. Erstaunlich schnell überwindet er seine Ängste und es entsteht eine tiefe junge Freundschaft. Josef wird in Mückes sizilianischen Familie herzlich aufgenommen und auch in der Eisenbahnergemeinde findet er dank seiner Leidenschaft für klassische Musik Anschluss. Er darf täglich auf dem kostbaren Flügel im Gemeindesaal üben. Bachs Goldberg-Variationen spielt er nach kurzer Zeit bereits meisterlich und er lernt zu komponieren. Für den autistischen Josef klingen Wörter wie Töne und Geschichten verwandelt er improvisierend in Musik. Aber nach wie vor sind ihm Menschen zumeist fremd und wenn ihn etwas aufregt, beruhigt er sich, wenn er mit der Schwebebahn über die Straßen der Stadt "fliegt“.

Der Autor

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren und durchlebte seine frühe Kindheit in Wuppertal. Er hat vom vierten bis zum siebten Lebensjahr das Sprechen eingestellt (Mutismus), gleichzeitig lernte er mit großer Leidenschaft das Klavierspiel.
Mit 28 Jahren debütierte Ortheil als Schriftsteller, gleichzeitig war er ein hervorragender Konzertpianist mit Studium und Anstellung in Deutschland und Italien. Später wurde Ortheil in beiden Ländern Dozent und 2003 erhielt er in Hildesheim eine Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Bis heute hat Ortheil ungefähr ein Dutzend Sachbücher und mehr als 45 Romane und Erzählungen verfasst.

Meinungen

Der inzwischen 73-jährige Hanns-Josef Ortheil betreibt eine eindringliche rückblickende Selbsterkundung und legt en passant auch noch ein authentisch anmutendes Zeitzeugnis aus einer rund 65 Jahre zurückliegenden Epoche vor. Durch das Erzählen in der dritten Person verschafft er sich etwas Distanz, ohne dabei als allwissender Kommentator seiner Kindheit hervorzutreten.“ (Peter Mohr, Literaturkritik.de)

"Schwebebahnen" erzählt die Geschichte eines anfänglich autistischen Jungen, der seine eigenen, von Musik getragenen Fantasiewelten entdeckt. Und ist gleichzeitig das große Panorama einer zutiefst traumatisierten Gesellschaft, in der die Menschen ein stilles und vom Zweiten Weltkrieg gezeichnetes Leben führen. Berührend erzählt der Kölner Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil vom inneren und äußeren Wiederaufbau im westlichen Nachkriegsdeutschland.“ (Dirk Fleiter, WDR)

Mich hat diese kleine, sanft erzählte Geschichte anfangs überrascht, dann gepackt und am Ende tröstlich und lächelnd das Buch schließen lassen. Ortheils Autobiographie ist ein im Ton und Struktur meisterhaft erzähltes, sehr leicht zu lesendes Buch. Beste Unterhaltungsliteratur - Unbedingt empfehlenswert.

"Schwebebahnen" kann in der Stadtbücherei ausgeliehen oder vorbestellt werden.

Dieter Niehoff

Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen
Luchterhand Literaturverlag 2025
322 Seiten