"Was nicht gesagt werden kann"
Der erste Satz
„Er ist fünfzehn, als er mit seiner Mutter in eine neue Stadt zieht und auf eine neue Schule geht.“
Die Geschichte
Der 15jährige Istvan lebt mit seiner Mutter in einer Plattenbausiedlung in einer ungarischen Stadt. Er ist neu dort, ist schüchtern und in der Schule isoliert. Nur zu seiner Nachbarin, einer verheirateten, deutlich älteren Frau hat er regelmäßigen Kontakt. Er hilft ihr bei ihren Einkäufen und es entwickelt sich eine sexuelle Beziehung zwischen den beiden. Sie verführt ihn, eine Situation, die Istvan kaum begreifen kann. Dann kommt es zu einer Rangelei zwischen ihm und ihrem Ehemann, wobei der Ehemann stirbt. Erst später erfährt man, dass Istvan zu drei Jahren Jugendgefängnis verurteilt wurde.
Das ist typisch für die Erzählweise von Szalay. Detailliert schildert er die Beziehung zu seiner Nachbarin, dann ein radikaler Schnitt. Auch dass er sich für fünf Jahre bei der ungarischen Armee verpflichtet hatte, erfährt man erst, als er aus dem Irak-Krieg zurückkehrt. Hier hat man ihm eine Tapferkeitsmedaille verliehen, aber ein Freund wurde getötet, Istvan konnte ihn nicht retten.
Es folgen viele dramatische Ereignisse, die in nüchternem Tonfall erzählt werden. Was ihn schließlich nach England treibt, erfährt man nicht. Meist folgt er der Initiative anderer. In London lässt er sich zum Bodygard ausbilden, dann arbeitet er als Chauffeur bei einer schwerreichen Familie. Und wieder wird ihn eine selbstbewusste Frau verführen: Helen, die Frau seines Auftraggebers. Er schafft den Aufstieg zu einem reichen, erfolgreichen Geschäftsmann, bis erneut alles ins Wanken gerät.
Der Autor
1974 in Montreal geboren, wuchs in London auf, studierte an der Oxford- Universität und lebt heute in Wien. Sein Roman „Was ein Mann ist“, stand 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize, dieser Roman jedoch wurde im letzten Jahr mit dem Booker-Prize ausgezeichnet.
Meinungen
Von Istvans Innenleben erfahren wir in der Geschichte wenig. Seine Lieblingsantwort ist „Okay“. Er spricht nicht über das, was er erlebt oder fühlt. Er reagiert vor allem auf das, was andere von ihm wollen, sein eigenes Fühlen gerät in den Hintergrund.
Wie der Autor das beschreibt, diese Unfähigkeit Empfindungen mit Sprache zusammen zu bringen, ist meisterlich. Die Sprache des Buches ist schroff und kalt, der Protagonist schweigsam, passiv und maskulin, einer dem sein Leben mehr widerfährt, als dass er es lenkt.
Aus der Begründung für die Verleihung des Booker-Prizes: Istvan steht in vielerlei Hinsicht für das Stereotyp des Maskulinen – körperbetont, impulsiv, von den eigenen Gefühlen entfremdet – er zählt wohl zu den wortkargsten Figuren der Literatur.
Trotz, oder vielleicht sogar wegen seiner kühlen, aber packenden Sprache zieht einen das Buch in den Bann. Ein besonderer Roman, den ich sehr empfehlen möchte.
Brigitte Tingelhoff
Das Buch kann in der Stadtbücherei ausgeliehen oder vorbestellt werden.
David Szalay: Was nicht gesagt werden kann
Claassen 2025
380 Seiten